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Dienstag, 26. Mai 2020

Ich hab sie einfach übersehn…

Marienfigur in Hallgarten

In den letzten Tagen habe ich für unseren Pfarrbrief Bilder unserer Marienfiguren in den Kirchen zusammengestellt.

Als ich danach nach Hallgarten kam, habe ich festgestellt: Die Maria in der Seitenkapelle über den Opferkerzen, die habe ich übersehn.

Das tut mir sehr leid, denn es ist eine schöne Figur.
Was ich an ihr mag?

Sie trägt keine Krone.
Mit einer Krone verbinde ich: Macht und Regentschaft.
Sie trägt auch kein Diadem,
denn sie gehört nicht zu den Reichen und Schönen.
Sie trägt keine Lilie an Zeichen ihrer Reinheit und moralischen Vorbildstellung.
Sie kommt ohne Sternen- oder Strahlenkranz aus, der sie der Menschlichkeit entrückt.
Sie trägt nicht das Jesuskind auf dem Art als Hinweis auf ihre besondere Stellung und Bedeutung in der Heilsgeschichte.

Sie steht einfach nur da, still und zurückhaltend, ganz bei sich, bereit anderen zuzuhören.
Menschen, die so sind, werden auch im Alltag oft übersehn.

Sie steht da und schaut auf den, der da kommt, um eine Kerze anzuzünden. Sie schaut, was denjenigen bewegt und bewahrt das, was sie hört und wahrnimmt in ihrem Herzen – so wie sie es damals in Betlehem auch schon getan hat. Man kann sich ihr anvertrauen. Sie nimmt es an, bewegt es in ihrem Inneren und legt es vertrauensvoll in Gottes Hände.
So wird sie zur Fürsprecherin für alle, die zu ihr kommen. Mit ihr kann man reden von Mensch zu Mensch.

In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an folgenden Filmausschnitt aus den alten Don Camillo Filmen.
In dieser Szene geht es um Peppones Sohn. Er ist so schlimm von einem Stein am Kopf getroffen worden und liegt im Krankenhaus. Man weiß nicht, ob er überleben wird. Also macht sich kommunistische Bürgermeister auf den Weg in die Kirche. Peppone bringt Kerzen, um sie für seinen Sohn aufzustellen und bittet Don Camillo diese anzuzünden. Der geht mit den Kerzen zu Jesus am Kreuz, will sie dort aufstellen. Aber Peppone will das nicht. „Nein, nicht vor dem da!“ sagt er und zeigt auf das Kreuz, „der ist einer von Euch, vor der da“ und zeigt auf Maria, „die ist eine von uns.“

Warum trägt dann aber Maria auf so vielen Darstellungen die Krone?
Wenn sie eine von uns ist, dann trägt sie die Krone wohl stellvertretend für uns alle.
Uns allen ist von Gott eine besondere, königliche Würde verliehen und wir gehören damit zu ihm und haben als Abbild Gottes Teil an ihm.
Dazu müssen wir die Krone nicht auf dem Kopf tragen. Hauptsache, wir haben sie im Herzen – nicht die Krone der Macht sondern die der besonderen Würde, die uns einander wertschätzen lässt.

Darum mag ich die Maria ohne Krone, aber mit der Hand auf dem Herzen. Schade, dass ich sie zunächst übersehen habe, denn in ihrer stillen Art sagt sie uns ganz viel.

(Jutta Zwehn-Gaul)

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